Der Kopf ist rund

Eine Aufgabe, die mich in ihrer Lösung und Einfachheit, mit der sie Erkenntnis produziert, immer beeindruckt hat, ist diese:

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Verbinden Sie diese neun Punkte mit vier Linien. Sie dürfen dabei nicht absetzen, die Verbindung muss in einem Zug geschehen. Die Auflösung kommt am Fuß dieser Seite, immer vorausgesetzt, Sie finden Sie nicht selbst. (Geben Sie sich ruhig ein wenig Zeit, machen Sie ein paar Versuche, und lesen Sie bitte auch dann weiter, wenn Sie die Lösung schon gefunden haben.)

So oder so erlaube ich mir, Ihnen noch mit ein paar Gedanken zur Verfügung zu stellen, die bei der Lösung helfen könnten. Der Hamburger Schriftsteller Peter Rühmkorf rief einmal in brillanter Verzweiflung aus: „Es muss doch noch einen zweiten Weg ums Gehirn rum geben!“ Der Dichter hatte recht mit seiner Vermutung, wer hätte das gedacht. Der zweite Weg ums Gehirn herum ist nämlich: anders rum, manchmal auch außen rum, oder eben gerade hindurch.

Vertraute Wege haben zahlreiche Vorteile. Man kennt sich aus. Man fühlt sich sicher und ortskundig: Zuhause eben. Es gibt aber auch Nachteile: Der Gegner jeder Lösung ist die Routine. Der bekannte Weg ist allzu oft ein ausgetretener Pfad, der sichere Weg zu einem ernsten Problem. Es sei denn, Sie haben gar keines. Dann spreche ich Ihnen hiermit meine Glückwünsche aus und erkläre: Sie brauchen mich nicht.

Andernfalls wird der altbekannte Weg, der in besseren Zeiten zuverlässig zum Ziel führte, selbst zum Problem. Dies geschieht regelmäßig, sobald sich die Umstände erheblich ändern, und das tun sie eigentlich immer. Das Vertraute, das vermeintlich Sichere, wird unvermittelt zu einem Gegner, der deshalb so schwer zu erkennen ist, weil dieser Gegner vor kurzem noch ein treuer Freund gewesen ist.

Dabei sind Menschen dem Grunde nach konservativ. „Das haben wir immer so gemacht!“, klingt wie die Verkündigung der Unabänderbarkeit ein für alle Mal. Die passende Antwort lautet: Machen wir es doch diesmal anders. Mal sehen, was dann passiert!

Gehen wir den neuen Weg einmal in Gedanken und voller Neugier: Unbekannte Landschaften kommen in Sicht, oft bezaubernd, bisweilen gefährlich. Alles, auch das Bekannte, erscheint in neuem Licht. Man sieht sich selbst und erlebt andere anders, denn aus dieser Perspektive kannten wir uns noch nicht. Kann der andere tatsächlich so anders aussehen? So viel besser? Sehe ich vielleicht auch ganz anders aus? Kann man den alten Gegner neu kennen lernen und vielleicht sogar sich selbst?

Wie steht´s mit dem Neun-Punkte-Problem? Haben Sie den Vierzüger schon gefunden? Den anderen Weg ums Hirn rum? Zum Beispiel außen rum, statt innen herum? Probieren Sie es aus, es lohnt sich. Der große Cervantes ließ sich von dem dicken Sancho Pansa vertreten, der eine Wahrheit gelassen aussprach: „Der Hase springt auf, wo man´s am wenigsten denkt.“

Ein Beispiel gefällig? Hier kommt es: Eine pessimistische Klientin beklagte sich einmal über ihre Lieblingskatze, die ihr immer dann besonders zärtlich – und unter großem Haarverlust – ums Bein streiche, wenn sie die empfindliche helle Hose anhabe, an der die Katzenhaare wie ein dunkler Rand und schwer entfernbar hängen blieben. Sie liebe die Katze dennoch, sagte sie mit erheblicher Überwindung, und ich fragte mich lautlos: „Wie lange noch?“

„Dazu haben Sie auch allen Grund,“ erwiderte ich kurz darauf. „Denn mir scheint, die Katze spürt Ihre größere Anspannung, wenn Sie diese Hose anhaben, und gibt sich besondere Mühe diese zu mindern.“ Mein Vorschlag zielte darauf: Die Sache neu zu betrachten, nicht nur, aber auch: damit es der Katze weiterhin gut geht. Sie hat es nämlich verdient.

„Wer die Wahrheit sucht, läuft Gefahr, sie zu finden.“ Auch so ein brisanter Satz von Manuel Vincent, von akuter Bedeutung in Zeiten von fake news und trügerischen Sicherheiten im Internet. Aber gibt es das: die eine, einzige, objektive Wahrheit? Vermutlich nicht.

Was bedeutet das für die Situation der Beratung? Woran wir arbeiten werden, ist eine bessere Variante des Sehens. Nicht wahrer und nicht falscher als andere, aber besser zu ertragen, offener für Lösungen und in keinem Fall gelogen oder gefälscht. Das würde nämlich gar nicht helfen. Die bessere Sicht zu finden, dazu lade ich Sie ein, und dabei bin ich Ihnen gern behilflich.

Und hier die Lösung für das Neun-Punkte-Problem, obwohl ich mir sicher bin: die hätten Sie auch selbst gefunden, wenn Sie nicht so aufmerksam gelesen hätten. Aber vielleicht haben Sie das ja längst getan.

Lösung